Köhler zum Bundespräsidenten (wieder)gewählt. Der VfL Wolfsburg deutscher Fußballmeister vor den Bayern. Der Mann, der Ohnesorg erschoss, ein DDR-Spitzel. – Was für eine Woche. Nur hier in Würzburg ist aus unerfindlichen Gründen nichts passiert, das eine Nachlese wert gewesen wäre, trotz der Bundeskanzlerin auf dem Marktplatz, dem Wildwasser-Entenrennen auf dem Main und dem Würzburg-Marathon durch die Stadt. Und selbst in Sachen Straßenbahn-Linie 6 regt sich kaum etwas in Würzburg.Hoffentlich hält diese Saure-Gurken-Zeit nicht mehr allzu lange an.
Archiv für Mai 2009
Der Zauber dieser Stadt
„Das Stadtbild wird von den alten Türmen des Doms, des Neumünsters und dem Grafeneckart und der Residenz dominiert. Die Dachlandschaft ordnet sich diesen markanten Punkten unter. Darauf beruht der Zauber dieser Stadt. Der neue Turm passt da nicht hinein.“
Im Interview mit wob-aktuell übt Professor Stefan Kummer, Vorsitzender des Würzburger Verschönerungsvereins, Kritik am geplanten Hochhaus-Neubau in der Augustinerstraße, hauptsächlich an dessen Höhe, denn „die Fassade ist Geschmackssache“.
Der Kunsthistoriker will nicht als Verhinderer auftreten. „Würzburg soll sich durchaus weiterentwickeln, das hat es seit dem Wiederaufbau auch erfolgreich getan. Nur hat man damals noch versucht, eine Brücke vom Altem zum Neuen zu schlagen, um die Einheit des Stadtbildes zu wahren. Diesen Brückenschlag vermisse ich heute oft. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass immer wieder versucht wird, mit neuen Gebäuden einen möglichst großen Kontrast zu erzielen. Man denke nur an die gestreifte Spankiste am Unteren Markt.“
Den Hamstern geht es gut
Mit großer Erleichterung erfuhr der Main-Post-Leser: „Den Feldhamstern, die wegen des neuen Ikea-Möbelhauses umziehen mussten, geht es gut.“ Wir erinnern uns: Im Spätsommer 2007 waren die Feldhamster, 187 an der Zahl, mit Lebendfallen gefangen und etwa einen Kilometer entfernt angesiedelt worden, um sie vor dem Lärm und Schmutz der Ikea-Baustelle zu schützen. In ihrer neuen Heimat haben sich die kleinen Nager anscheinend gut eingelebt. „Diese Flächen“, erfährt der Leser, „werden von Bauern bewirtschaftet, um den Nagern das Bleiben zu versüßen. Zwanzig Jahre lang laufen diese Verträge erstmal, die Stadt und Ikea etwa 500.000 Euro kosten.“
Über Irrwege, auch die der Liebe
Wer am vergangenen Samstag die Titelseite der Main-Post betrachtete, durfte einen Moment lang irrtümlich glauben, Boulevard Würzburg sei wieder auferstanden. Wir erinnern uns: Der Versuch, ein lokales Boulevard-Blatt zu etablieren, war vor einigen Jahren gescheitert. Und nun das: „Exklusiv-Interview mit dem König von Mallorca“ Jürgen Drews kündigt die Würzburger Tageszeitung an – und das zudem im Ressort Kultur. Im Franken-Teil ist, so der nächste Hinweis für den Leser, über „Sarah Kreuz auf dem Sprung zum Superstar“ bei DSDS zu lesen.
Die wichtigste Nachricht zum Wochenende aber findet sich – eingerahmt zwischen der Meldung vom Abbau von 8000 Stellen bei Schaeffler und dem Verdachtsfall der „Schweingegrippe“ in Unterfranken – über vier Spalten mitten auf der Seite eins: „Wirbel um Dirk Nowitzki“. Da hat die amerikanische Bundespolizei die vermeintliche Freundin „unseres“ Dirks, der in Dallas Basketball spielt, festgenommen, weil sie unter Betrugsverdacht steht. Das ist nicht sehr schön, hat wiederum mit Dirk Nowitzki ja nicht wirklich direkt etwas zu tun und hätte, wenn es denn unbedingt sein muss, auch auf die Seite „Aus aller Welt“ gepasst. (Da ist allerdings der Platz schon für eine Britin vergeben, die erfolgreich gegen Aufpreise für BHs in Übergrößen gekämpft hat.) Also hat die Main-Post die Gelegenheit genutzt und zum Aufmacher gleich noch einen Standpunkt gesetzt, der den „Star in schwerer Phase“ sieht und größtes Verständnis für den 30 Jahre alten Basketballer aufbringt, der „in seinem jungen Leben viel über Spitzensport gelernt, aber vermutlich wenig über Irrwege der Liebe“.
Raus in die weite Welt
Mit ihren Provinz-auf-Weltniveau-Slogan geht die Würzburg AG nun „aus der Stadt raus in die weite Welt“ – auch wenn es zunächst nur das weltweite Web ist. Unter jovoto.com, einer Internet-Plattform, bei der angeblich 3000 Kreative aus über 100 Ländern angemeldet sind, soll nun d i e Idee gefunden werden, wie eine Werbekampagne für die Stadt auszusehen hat. 5000 Euro an Preisgeldern sind ausgelobt, bis zum 12. Juni haben die Kreativen noch Zeit, eine laut Ausschreibung „360° Kampagne zur unverwechselbaren Positionierung der Stadt Würzburg“ zu konzipieren. Die besten Konzepte will man anschließend dem Stadtrat vorlegen. Der soll dann entscheiden, ob ihm eine solche Kampagne überhaupt Geld wert ist.
Seine Sicht der Dinge hat in der Main-Post der stadtbekannte Tilman kundgetan, der in der Wettbewerbsausschreibung über die „360-Grad-Kampagne“ gestolpert ist. „Das bedeute, dass im Prinzip der komplette Medienbereich abgedeckt wird, hab ich mir erklären lassen. Und ich hatte schon befürchtet, das sei eine Kampagne, bei der man nach einer 360-Grad-Drehung wieder da ist, wo man angefangen hat. Wie das halt so oft in Würzburg der Fall ist.“
Wer die komplette Ausschreibung einmal sehen möchte, braucht hier nur weiterzulesen.
Eine geniale Stadt
„Aus meiner Sicht ist Würzburg eine geniale Stadt – mit überschaubaren Strukturen, Stil, Vitalität, einem guten kulturellen Angebot.“
Das sagt Peter Bofinger, Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre, Geldpolitik und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Würzburg, der zudem Mitglied der Fünf Wirtschaftsweisen ist, wie der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtlichen Entwicklung auch genannt wird. In seinem Interview mit der Main-Post fügt er noch hinzu: „Außerdem liegt Würzburg fantastisch zentral. Wenn man viel unterwegs ist wie ich, kann man kaum einen besseren Standort haben. Gerade wenn man ein relativ hektisches Leben führt, ist es immer schön, wieder nach Würzburg zu kommen.“
So schlimm ist’s ja gar nicht
Wenn nur dieser „Pessimismus in den Medien“ nicht wäre. Gleich mehrere Redner auf der Veranstaltung „Wege aus der Wirtschaftskrise“ von Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer stießen in dieses Horn, etwa wenn es um die Kreditvergabe an Unternehmen gehe. „So schlimm, wie man das derzeit in den Zeitungen liest, ist das nicht“, sagte zum Beispiel Rudolf Fuchs, und der ist immerhin der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Mainfranken.
Nicht allzusehr zu fürchten vor den Auswirkungen der Krise hat sich scheinbar die Stadt Würzburg. Deren Kämmerer Christian Schuchardt versprühte sogar – wenn auch vorsichtigen – Optimismus. Denn Würzburgs Schwäche, womit er den geringen Anteil am produzierenden Gewerbe meinte, würde in der Krise zur Stärke mutieren, weil der Rückgang der Gewerbesteuer nicht so bedrohlich wie anderswo ausfalle. Dem in den Medien verbreiteten Pessimismus jedenfalls will der Kämmerer seinen Leitspruch entgegensetzen, wonach es der beste Weg sei, die Krise zu meistern, indem man sie gestalte. Ja, wenn es so einfach ist.
Geflügelte Worte
Von der Debatte um einen Stadtslogan – den eigentlich wer in Auftrag gegeben hat? – färbt es allmählich ab. Jedenfalls bei der Main-Post, die ihre Beilage zur Wiedereröffnung des renovierten Kaisersaals in der Residenz ideenreich mit „Kulturerbe auf Weltniveau“ betitelt.
Während der Leser die Zeitungsbeilage so durchblättert, stößt er auf Seite 22 auf das Original des Niveaus. Aber, was ist das? Unter dem mit „Würzburger Landhausstil“ betitelten, vom Hofgarten aus aufgenommenen Foto der Residenz, hat die Würzburg AG doch den Slogan ein wenig, aber nicht unwesentlich abgeändert: Würzburg ist nicht mehr nur „Provinz auf Weltniveau“, sondern „Die Provinz auf Weltniveau“.
Diesem Alleinstellungsanspruch folgend verkündet die Unterzeile zudem, die Stadt sei „Genial eigensinnig. Herrlich gegensätzlich. Erfrischend ehrlich“. Da hat sich der eigensinnige Werbetexter ja mal richtig erfrischend auslassen dürfen, ehrlich. Sei noch die Frage gestattet, ob die Würzburg AG eigentlich mit einem Slogan für Würzburg werben darf. Oder braucht es dafür gar keine Genehmigung der Stadt?