Die langweiligste Stadt?

Das „Besondere, Charakteristische, Unverwechselbare in Temperament und Erscheinungsbild dieser Stadt“ behandelte der Publizist Klaus M. Höynck in seiner bemerkenswerten Rede bei der Vorstellung des von ihm im Echter Verlag herausgegebenen Bild- und Textbandes „Würzburg – ein Jahrhundert in seltenen Bildern“ (192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 160 Schwarzweißbilder, ISBN 978-3-429-03154-4, 29,– Euro). Der leicht gekürzte Text seines Beitrags ist hier zu lesen.

„Erlauben Sie mir, dass ich mit einem eindeutig-zweideutigen Lob beginne. Es stammt übrigens nicht von mir, sondern von einem bekannten und geschätzten Würzburger Theatermann, der aber aus verständlichen Gründen gern ungenannt bleiben möchte. ,Würzburg‘, so bemerkte Werner Kusch einmal mit sanfter Ironie, ist die schönste, aufregendste und wohl langweiligste Stadt der Welt“. Was könnte man daraus schließen? Also doch ,Provinz auf Weltniveau‘?

Nun, hier geht es nicht darum, die Banalität eines als missliche Zangengeburt niedergekommenen Werbeslogans zu ergründen. Würzburg müsste sich das eigentlich nicht antun – das nicht auch noch. Wir sollten uns lieber herzlich freuen: erscheint dieses Würztburg von heute doch, Gott sei Dank, in seiner städtebaulichen Dominanz nach wie vor weitgehend intakt – oder besser gesagt: dank vieler gelungener Einzel-Rekonstruktionen nach der Katastrophe des 16. März 1945 erneut als mainfränkische Städte-Schönheit, die in ihrem natürlichen Umfeld auch historisch wieder präsent ist.

Eine in der Choreografie von Baustilen und Formensprachen reich und vielfältig komponierte Stadt der Romanik und der Gotik, der Renaissance und des Barock, auch des aus Frankreich importierten ,Revolutionsklassizismus‘, für den in Würzburg insbesondere der ,ägyptische Speeth-Bau‘ im Burkader Viertel steht, nicht zuletzt eine Stadt aus den großstädtischen Gründerzeitjahren sowie mit typischen Bauhausstil-Anklängen aus den Endzwanzigern: dies alles eben dank einer respektablen, jahrzehntelangen Aufbauleistung speziell im Detail. Öde und großflächig phantasielose Erneuerungs-Strukturen aus den unmittelbaren Nachkriegsjahren kann sie freilich nicht verleugnen, obwohl auch an ihnen längst kräftig herumretuschiert wurde.

So ist Würzburg zugleich eine Stadt ottonischer, salischer und staufischer Kunst geblieben, des hochfürstlichen Schönborn-Prunks und – hier indes mit unwiederbringlichen, darum umso schmerzlicheren Verlusten – einer vormals noch repräsentativeneren Ringstraßen-Architektur, beinahe nach k.u.k.-Muster, aber auch eine Stadt rudimentärer mittelalterlicher Kleinteiligkeit. Würzburg ist, trotz schlimmer baulicher Entgleisungen in unseren Tagen, auch noch immer die Stadt von Antonio Petrini, von Joseph Greising, Baltahasar Neumann und des bereits erwähnten Peter Speeth, ein bisschen auch von Olaf Andreas Gulbransson (Erlöserkirche Zellerau, 1959/61) und von Alexander von Branca (Uni-Mensa/Bibliothek, Kaufhaus Hertie/Wöhrl), sogar von Heinz Lützelberger und – ja, ja – auch von Christian Baumgart.

Trotzdem: Als Ort stilistisch schöner, harmonischer Baulinien und zugleich hübsch-hässlicher Allerweltskontraste sollte die Stadt Würzburg künftig vielleicht entschiedener beherzigen, was ihr der unvergessene Stadtbaurat Paul Heinrich Otte noch kurz vor seinem Tode mahnend ins Stammbuch geschrieben hatte: ,Es ist sehr zu wünschen, dass die Stadt auch in Zukunft ihre besondere Ausstrahlung und Eigenart behält und die Stadtbildpflege ihre wesentliche Rolle nicht verliert …‘

Mit Recht knüpfte Hans Steidle, der neue ehrenamtliche Stadtheimatpfleger, daran die Hoffnung auf eine bessere Streitkultur in der permanenten, oft mehr gefühlsbetonten Debatte über das Stadtbild:,Es geht nicht darum, neue Lösungen prinzipiell zu verhindern. Bislang mangelt es nur häufig am Willen, nach den besten Lösungen zu suchen …‘ Was freilich nicht ausschließen mag, dass Würzburg auch weiterhin geduldig auf wirklich gelungene Beispiele zeitgenössischer Architektur warten muss, die obendrein auch nicht wie der hochmütige Turmbau zu Babel im peinlichen Nirwana enden mögen. Doch das Würzburger UNESCO-Weltkulturerbe entschädigt letztlich noch immer für Manches und Vieles – und das keineswegs unverdient. Also doch ,Weltniveau‘ in der Provinz?

Spätestens jetzt sei die spitze Eingangsbehauptung kritisch hinterfragt: Ist Würzburg, allen Ernstes, so schrecklich langweilig, dass man ihm sogar den Superlativ eines solch beklagenswerten Zustandes bescheinigen müsste, die langweiligste Stadt der Welt zu sein?

Nun, eines sei freimütig bekannt: Von Opas behäbigem gutbürgerlichen ,Pensionopolis‘ bis zum kräftig pulsierenden Zentrum einer modernen Chancenregion von Wirtschaft, Handel, Kunst, Kultur und Wissenschaften im globalisierten dritten Jahrtausend war es auch für Würzburg ein steiniger, mühevoller Weg. Da half  nicht immer ein alltagsbewährtes ,laisser-faire‘, höchstens eine seit Jahrhunderten fest verwurzelte, stets auferstehungs-förderliche Liebe zum Wein.

Man geht sicher nicht fehl in der Annahme, dass zu allen Zeiten auch manch seriöses Menschen-Werk aus dieser lokalspezifischen Cuvée auf gelungene Weise er-wachsen ist. Also ersetzen wir das umstrittene Eingangs-Prädikat ,langweilig‘ lieber durch die unverbindlichere Vokabel ,eigenwillig‘. Denn dahinter verbirgt sich allemal das Besondere, Charakteristische, Unverwechselbare in Temperament und Erscheinungsbild dieser Stadt – auch, wenn dies häufig erst auf den zweiten Blick augenfällig wird.

Würzburg offenbart sich seit jeher wohl erst auf diesen bewussten zweiten Blick, was im Herbst des Jahres 1800 sogar der altpreußische Literatur-Tourist Heinrich von Kleist – widerwillig – erfahren durfte. Womöglich auch die frühen Karolinger, die Würzburg ins fränkische Großreich eingliederten und Mitte des 8. Jahrunderts zur fränkischen Königsprovinz machten – vermutlich damals schon auf Weltniveau.

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